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Farben und Color Management

Im Print- und Mediendesign ist die Arbeit mit Farben heutzutage nahezu vollständig digitalisiert. Das bedeutet, dass Gestaltungsprozesse und Entscheidungsphasen oft komplett am Computermonitor ablaufen und sich erst im Endprodukt "materiell" manifestieren, wenn überhaupt. Das stellt hohe Anforderungen an die farbliche Qualität und Zuverlässigkeit digitaler Arbeitsumgebungen und Workflows - und ihrer Kommunikationswege. Die dafür geschaffene Technologie, ihre Spezifikationen und standardisierten Arbeitsweisen haben einen gemeinsamen Namen: Color Management.

Obwohl Link öffnet neues FensterICC Color Management schon vor über 13 Jahren spezifiziert wurde, und mittlerweile im professionellen Desktop Publishing Standard ist, stellt es noch immer eine große Herausforderung sowohl an technische Entwickler, Designer als auch Produzenten dar, weil es von seinen Anwendern neue Denkweisen verlangt. Es verlangt, Farben als Information zu begreifen und erst deren Abbildung als technisches Verfahren. Ein schwieriger Schritt aber notwendig, um farbliche Konsistenz über Mediengrenzen hinweg zu erlangen.

Genau das ermöglicht Color Management: Exakte Farbinformationen in allen Teilen des vielschichtigen Workflows zu besitzen, diese Informationen möglichst zu erhalten, in standardisierter Form zu kommunizieren und - natürlich - bestmöglich abzubilden.

Zwar ist das Thema bei der Auseinandersetzung mit den technischen Details umfangreich und man verliert sich zu leicht in angrenzenden Fachbereichen der Physik, Wahrnehmung oder Drucktechnik - die eigentlichen Gründe dafür, warum die Evolution von Color Management (CM) noch immer schleppend voran geht, liegen aber wo anders:

Auf Anwenderseite: Bewusstsein, was Farbe eigentlich ist
Aus der Geschichte der Reprografie und auch des noch jungen Desktop Publishing der 90er Jahre resultiered, war und ist es üblich, Farben mit CMYK- oder RGB-Werten gleichzusetzen. Dies führt jedoch nur in bestimmten Produktions- oder Darstellungs- Umgebungen unter Einhaltung von mehr oder weniger genau definierten Standards zu den erwarteten Ergebnissen. Ein lange Zeit notwendiger Kompromiss, um produktiv sein zu können. Die Angewohnheit, Farben als Zahlen im Rahmen der gewohnten, technisch limitierten Bezugssysteme betrachten, führt aber auch dazu, sie als solche zu "denken". Es ist Zeit, diese Denkweise zu relativieren.
Dass Farben neben diesen gerätespezifischen Werten auch noch besser, genauer beschrieben werden können, ist in Anwenderkreisen so wenig bekannt, dass man meinen könnte, es sei ein Geheimnis. Tatsächlich arbeitet Color Management seit Jahren mit Farbsystemen wie z.B. Link öffnet neues FensterL*a*b, die alle sichtbaren Farben beschreiben können - ohne die Einschränkungen unterschiedlicher Abbildungsverfahren wie Druck oder Monitor.

Auch wenn diese geräteunabhängigen Farbsysteme nicht unbedingt benützt werden müssen, um darin zu arbeiten, so stellt das Wissen und Bewusstsein, dass es sie gibt und dass Computer damit auch momentan nicht darstellbare Farbinformationen verarbeiten können, eine wesentliche Grundlage für die Arbeit mit Color Management dar. Color Management beruht nämlich darauf, dass derartige, universelle Farbeigenschaften bekannt sind, gleichzeitig aber auch die Möglichkeiten des jeweils verwendeten Darstellungs- Mediums (Monitor, Druckverfahren, Film, etc.). CM-fähige Systeme und Applikationen sind damit in der Lage, Farben korrekt wiederzugeben, sofern das Ausgabemedium dies unterstützt, oder eine optimale Näherung der korrekten Darstellung zu zeigen, ohne dass die eigentliche Farbinformation verloren geht. Das gilt für Monitor und Druck gleichermaßen.
Also eine konsequente Trennung zwischen Information und deren Abbildung.

Mit diesem Wissen werden auch die sonst völlig abstrakten "Farbräume", innerhalb deren Grenzen nur gewisse Farben möglich sind, zu nachvollziehbaren Größen und sinnvollen Werkzeugen bei der Arbeit. Dem erfahrenen Color Management- Anwender sind die Konsequenzen der Verwendung spezifischer Farbräume und die Möglickeiten und mögliche Informationsverluste beim Konvertieren zwischen ihnen wohlbekannt. Die CM-fähige Applikation gibt dem Benutzer die Möglichkeit, Problembereiche bei der Farbreproduktion zu visualisieren und gezielt zu entschärfen und verhindert damit, dass Verluste erst dort auftreten, wo sie nicht mehr kontrollierbar sind.



Auf Applikationsseite: Konsequente Implementierung und Terminologie
Natürlich waren den Erfindern von CM die Möglichkeiten und Anwendungsformen heutiger Desktop-Systeme noch nicht bekannt und es ist auch verständlich, dass die Terminologie auf Grund der wissenschaftlichen Basis des Verfahrens sehr speziell und abstrakt ist. Allerdings zeigen Erfahrungen aus anderen Bereichen, dass sich erst durch konsequente Verwendung - und auch erst im Lauf der Zeit - abstrakte Terminologie im Repertiore der Anwender niederschlägt - und damit überhaupt erst anwendbar wird.
Diese Mechanismen wurden hier wohl von vielen Soft- und Hardware- Entwicklern unterschätzt bzw. versuchten sie, CM "konsumierbarer" zu gestalten, indem sie eigene, vereinfachte Begriffe verwendeten. Dadurch stehen wir jetzt einer Situation gegenüber, in der entscheidende Ausdrücke des CM oft falsch oder ungenau wiedergegeben, schlecht übersetzt oder irreführend eingesetzt werden. In vielen Fällen wird sogar versucht, wesentliche Teile des CM zusammenzufassen, zu simplifizieren oder sie ganz auszublenden, um dem Benutzer "lästige" Entscheidungen zu ersparen. Eine leider fatale Fehleinschätzung der Lage, denn: CM ist nur anwendbar, solange - bzw. sobald - es nachvollziehbar ist und die Arbeitsschritte eindeutige Namen besitzen! Ungenaue Terminologie macht aus dem an sich logischen Color Management oft jenes unberechenbare Monster, das wir auch heute noch in vielen Applikationen vorfinden.


Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Color Management in seinem 12. Jahr noch immer mit Anfangsschwierigkeiten zu kämpfen hat, und zwar in erster Linie deshalb, weil die Community erfahrener Anwender zu klein ist. Auch in dedizierten Fachkreisen scheitern Diskussionen oft an terminologischen Problemen und nicht selten werden Bedienungsfehler mit Fehlfunktionen verwechselt. Ein zusätzlicher Hemmschuh für die Entwicklung ist auch, dass viele Druckereien Color Management deshalb nicht forcieren, weil die dem CM-System innewohnende Exaktheit der Farbbeschreibungen die Ungenauigkeiten und Schwankungen im Druckprozess aufzeigen - und schlussendlich zu einer höheren Verantwortung im Produktionsbereich führen würde. Eine Verantwortung, die man nicht haben will. Dadurch haben viele das Vertrauen in eine Technologie bereits verloren, die gerade erst dabei ist, sich durchzusetzen.

Ich setze ICC-basierendes Color Management seit einigen Jahren erfolgreich ein und weiß, dass man damit exzellente Ergebnisse erzielen kann, sobald man die grundsätzlichen Mechanismen kennt und auch die Eigenheiten so mancher verwendeter Applikationen, Farbprofile und Geräte. Deshalb möchte ich versuchen - so gut es meine Zeit erlaubt - hier in Zukunft den einen oder anderen Bereich zum Thema Farben im digitalen Workflow zu beleuchten und meine Erkenntnisse und Arbeitsweisen zu zeigen.

Jürgen Krausz, Jan 2005

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